Holen wir Jesus endlich vom Kreuz

Ein postreligiöser Blick auf Ostern. Über Kreuzigung, Auferstehung und die Stunde der Wahrheit — für Menschen jeder und keiner Religion

Vor ca. einem Jahr verbrachte ich mit Schaman:innen eine Woche im Regenwald. Die Details der Reise, wie ich da landete, sind gerade unwichtig. Doch ich möchte dir kurz von der letzten Nacht erzählen. Ich ging mit einem Gebet in das Ritual: „Bitte, Leben, zeige mir, wie ich in diesen besonderen Zeiten am wirksamsten, zum Wohle aller dienen kann.» Erwartet hatte ich eine Nacht lichtvoller Visionen. Was ich stattdessen bekam, war eine dunkle Nacht der Seele. Mein Ego wurde in Millionen Stücke gerissen und ich wurde ins Nichts geschleudert. Nein, dies war keine ekstatisch-erhebende Erfahrung. Es war bis ins Mark erschreckend und erschütternd. Als sich am Morgen mein Ich langsam wieder zusammensetzte und ich der Schamanin in leicht klagendem Ton von meiner Erfahrung berichtete, hörte sie mir ruhig zu und antwortete mit einer Frage: „Wer hat dir je erzählt, dass der Weg in die Wahrheit nur durchs Licht führt?»

Das saß. Und die Nacht und die Frage wirken seitdem auf vielen Ebenen heilsam demütigend nach… Vielleicht an anderer Stelle mehr davon.

Warum teile ich das mit dir? Wenn wir mal ganz ehrlich sind: Wollen wir nicht alle das Licht, aber vermeiden gern die Dunkelheit?

Ostern und unser Kreuz

Ich schreibe heute über Ostern. Nicht nur für Christ:innen. Sondern für uns alle.

Egal ob du Muslim bist, Buddhistin, Jüdin, Atheist — ich bitte dich, diesem Text eine Chance zu geben. Denn ich glaube, dass sich in der Geschichte von Kreuzigung und Auferstehung eine Formel radikaler Transformation verbirgt, die älter ist als jede Religion, realer als jedes Dogma, und relevant für uns alle.

Ob wir wollen oder nicht: Wir sind kein Status Quo. Wir sind lebendige Bewusstseinsprozesse. Und das bedeutet, wenn wir nicht vor unserem Tod geistig absterben wollen, wartet immer wieder eine Kreuzigung auf uns.

Es gibt einen Grund, warum diese Geschichte seit über zweitausend Jahren Milliarden von Menschen packt und bewegt. Ihre Macht liegt nicht in einer historisch verbürgten Tatsache, sondern in dem in sie eingewobenen archetypischen Muster. Da Ostern vor der Tür steht, lade ich uns alle ein, darüber zu kontemplieren.

Aber bevor wir das tun, muss ich noch etwas klarstellen.

Das Kreuz der falschen Schuld

Ich respektiere den religiösen Glauben aller Menschen, solange er kein Leid für Andersdenkende hervorbringt. Ich selbst bin kein Anhänger irgendeiner organisierten Religion. Ich komme aus Ostdeutschland und bin ohne Gott, Kirche oder irgendeine Form der Spiritualität aufgewachsen. Als ich mich mit Anfang zwanzig auf meine eigene Suche machte, konnte ich die verschiedenen Traditionen und ihre Werke neugierig und hungrig, respektvoll und ketzerisch zugleich erkunden. Für mich persönlich ist es nicht wichtig, ob Jesus tatsächlich als historische Figur gelebt hat. Ich lese viele der Gleichnisse in der Bibel nicht als verbürgte Ereignisse, sondern als Widerspiegelung archetypischer Muster.

Die Geschichte dieses einfachen, mitfühlenden und zugleich radikal-revolutionären Mystikers Jesus hat mich immer zutiefst berührt. Womit ich lange ein großes Problem hatte, war das Kreuz. Nicht wegen dem, was es ursprünglich bedeutet — dazu kommen wir später —, sondern wegen dem, was organisierte Religion daraus gemacht hat. Ich habe in dreißig Jahren als Coach und Wegbegleiter mit vielen Menschen gesprochen, die in ihrer Kindheit durch das extrem schuldbehaftete Bild eines abgemagerten, leidenden, blutenden Mannes am Kreuz regelrecht traumatisiert wurden.

Lass das mal sacken. Du bist ein kleines unschuldiges Kind, vielleicht fünf, sechs oder sieben Jahre alt. Erwachsene, denen du vertraust, zeigen auf einen sterbenden Mann und sagen dir: „Der hängt da wegen dir, der ist für deine Sünden gestorben.»

Schuld ist energetisch einer der niedrigsten Bewusstseinszustände, die wir Menschen erfahren können. Wenn überhaupt, sollten spirituelle Wege, die es aufrichtig mit Heilung und Mitgefühl meinen, uns dabei helfen, uns aus der Schuld zu befreien und unsere tiefe innere Unschuld zu erkennen. Ich verstehe, warum die organisierte Kirche aus machtpolitischen Gründen Schuld benutzt hat, um Menschen klein zu halten. Ein Mensch, der sich schuldig fühlt, ist kontrollierbar. Er braucht jemanden, der ihm die Absolution erteilt. Er braucht die Institution. Er braucht den Vermittler zwischen sich und Gott.

Doch als Mensch und suchende Seele habe ich nie verstanden, wie eine universelle schöpferische Kraft, die uns alle erschaffen hat, daran interessiert sein sollte, dass wir uns klein und schuldig fühlen. Diese Version der Geschichte hat für mich noch nie Sinn ergeben.

Es gibt einen zweiten Aspekt, über den ich immer wieder gestolpert bin. Ich beschäftige mich in meiner Arbeit viel mit der Macht der Projektion. Menschen tendieren dazu, ihren Schatten nach außen zu projizieren — auf einen Teufel, auf die Andersdenkenden. Aber sie projizieren genauso ihre eigene Größe, ihr eigenes Licht gern auf jemanden da draußen. Auf ein Idol. Auf eine:n Guru. Oder eben auf Jesus Christus.

Falls Jesus jemals gelebt haben sollte, bin ich mir in einem zu hundert Prozent sicher: Er hätte niemals gewollt, dass er an einem Kreuz auf einen Sockel gestellt und angebetet wird. Die große Gefahr in der Anbetung liegt darin, dass wir nicht auf die Idee kommen, das, was wir im Außen anbeten, in uns selbst zu finden. Wenn ich Jesus richtig verstanden habe, hat er niemals gesagt: „Das Königreich Gottes ist in mir.»

Seine zentrale Botschaft war:
„Das Königreich Gottes ist in dir

Es ist Zeit, dass wir Jesus vom Kreuz befreien. Dass wir die Geschichte persönlich nehmen und uns fragen: Was hat diese Kreuzigung und die Auferstehung mit uns zu tun?

Solange Jesus da oben am Kreuz hängt und wir auf der Kirchenbank sitzen und ihn anhimmeln, ist seine eigentliche Botschaft tot. Wenn du wirklich an ihn glaubst, dann nimm absolut persönlich, wovon seine Geschichte erzählt.

Älter als jede Religion

Also was könnte uns alle die Metapher der Kreuzigung lehren?

Zum einen ist es wichtig zu verstehen, dass das Kreuz als spirituelles Symbol viel, viel älter ist als das Christentum. Tausende Jahre älter. In so gut wie allen alten Kulturen rund um den Globus — in Ägypten, in Südamerika, bei den nordamerikanischen Natives — taucht das Kreuz als eines der grundlegendsten Symbole menschlicher Transformation auf.

Es steht ursprünglich für den Schnittpunkt der Himmelsrichtungen, den Mittelpunkt, aus dem alles hervorgeht. Es steht für die Verbindung von Himmel und Erde. In schamanischen Traditionen gibt es Körperhaltungen, sogenannte Trance-Positionen, in denen du in einer gekreuzigten Position liegst oder stehst. Indem du dich dieser Position hingibst, erfährst du nicht Bestrafung, Schuld oder Leid, sondern Befreiung. Das Kreuz steht dort für den Adler. Für die Freiheit. Für das Aufsteigen.

Auch Ostern selbst war ursprünglich kein christliches, sondern ein heidnisches Fest. Eine Feier des Frühlings, des Neubeginns und der Fruchtbarkeit. Eine Huldigung der Göttin Ostara. Die organisierte Kirche übernahm dieses Fest und lud es mit ihrem eigenen Narrativ auf. Doch in der Tiefe geht es immer noch um dasselbe: Etwas Altes stirbt. Etwas Neues wird geboren.

Die tiefere Bedeutung von Kreuzigung und Auferstehung gehört nicht einer einzigen Religion. Sie gehört uns allen.

Wir sind lebendige Prozesse

Ich möchte jetzt die Perspektive erweitern und komme dann zur Kreuzigung zurück.

Die meisten Menschen schauen in den Spiegel und sehen ein relativ statisches Ich. Sie identifizieren sich mit ihrem Namen, ihren Rollen, ihren Glaubenssätzen, ihrer Weltsicht. Das bin ich. So bin ich und so bin ich nicht.

Die Wahrheit ist: Wir sind keine statischen Wesen. Wir sind lebendige Bewusstseinsprozesse, verbunden mit einem lebendigen Körper. Für eine Weile — vielleicht über Jahre, vielleicht über Jahrzehnte — glauben wir zu wissen, wer wir sind. Wir glauben, die Welt zu verstehen, wir glauben zu wissen, was wertvoll ist und was nicht.

Doch wenn du wirklich lebendig bist, dich immer wieder neu deiner eigenen Sehnsucht nach Wahrheit öffnest und mutig den existenziellen Fragen des Lebens folgst, kommst du zwangsläufig an eine Schwelle, wo alles, was du bis jetzt über dich verstanden hast, zu eng wird. Wie ein geistiges Korsett. Du spürst: Hier geht es nicht weiter. Nicht, weil die Welt sich verändert hat. Sondern weil du dich verändert hast — und dein altes Selbstbild nicht mehr mitkommt.

Und jetzt geschieht etwas Erstaunliches. Die alte, kleinere, engere Version von uns gibt nicht freiwillig ihren Platz auf. Ein Teil von uns verteidigt das Alte, weil es vertraut ist und weil wir Angst haben vor dem Unbekannten. Im Hintergrund entwickelt sich das Neue. Am Anfang sind es Fragen, dann kommen neue Perspektiven, ein weiterer Bewusstseinsraum.

Das alte kleine Ich verteidigt seinen Platz. Die neue, freiere, kühnere Version von uns drängt an die Oberfläche.

Weil wir in unserer Kultur weder im Kindergarten noch in der Schule noch am Elterntisch Transformation gelehrt bekommen haben, fühlen sich diese Übergangsphasen unbequem an. Vielleicht sogar bedrohlich. Und wir halten fest am Alten, obwohl wir daran leiden.

Der Preis für die Transformation ist immer derselbe: Wir müssen bereit sein, das kleine alte Ich sterben zu lassen. Es an unser inneres Kreuz zu nageln. An jenen inneren Ort zu gehen, den wir unter allen Umständen vermieden haben. Den Ort des Nicht-Wissens, des totalen Kontrollverlustes und der absoluten Ohnmacht.

Was lösen die Worte Nicht-Wissen, Kontrollverlust und Ohnmacht in dir aus?

Sie sind das heilige Feuer, in dem unser Ego — unsere alte Ich-Software — verbrennt.

Wenn wir Jesus vom Kreuz holen und das Kreuz stattdessen persönlich nehmen, dann steht es als Symbol für unsere Bereitschaft, genau das zu erfahren und zu fühlen, was wir bis jetzt vermieden haben, um dann wieder auferstehen zu können.

Wieso solltest du dich freiwillig kreuzigen lassen

Egal ob wir an die Bibel glauben oder nicht — wenn wir uns einmal offen auf diese Geschichte einlassen, offenbart sie erstaunliche Aspekte. Jesus war kein Superman, der keine Angst hatte. Er kannte Zweifel und Verzweiflung.

Er ist kein Opfer in dieser Geschichte. Er ahnt seit langem, was auf ihn zukommt. In der Nacht vor seiner Kreuzigung, im Garten Gethsemane, bittet er darum, dass dieser Kelch an ihm vorübergehen möge. Das ist so berührend menschlich und bringt die Geschichte auf Augenhöhe mit dem Teil in uns, der niemals scharf darauf ist, gekreuzigt zu werden.

Und dennoch geht er freiwillig ans Kreuz. Es gibt mehrere Momente, in denen ihm die Chance geboten wird abzubiegen. Er hätte einen Deal machen können. Er hätte seine Wahrheit diplomatischer formulieren können. Er hätte mit den Königen am Tisch sitzen und sich bis ins hohe Alter bejubeln lassen können.

Warum schlägt er — freiwillig — diesen erniedrigenden, schmerzhaften Weg ein? Das ist doch so gar nicht „Alpha».

Wir leben in einer Welt, die uns vorgaukelt, dass wir immer Sieger:innen sein können. Die uns erzählt, dass es wichtig ist, zu den Starken zu gehören und weltlichen Erfolg zu haben. Doch wenn wir ehrlich sind, erfahren wir alle Momente, in denen alles, was wir wissen, haben und können, uns nicht weiterhilft. Momente, in denen wir scheinbar alles richtig machen und dennoch vom Leben verhöhnt werden. Wir verhalten uns fair und werden trotzdem verraten.

Die nackte, schonungslose Metapher des Kreuzes steht für diesen Moment, wenn unser Ego das erfahren muss, wovor wir immer weggerannt sind. Kein Zappeln mehr. Kein Abpuffern. Kein Verbiegen.

Wenn wir gegen diese Momente kämpfen, empfinden wir sie als ungerechte Strafe. Wenn wir uns ihnen hingeben, wenn wir bereit sind, uns freiwillig an unser eigenes inneres Kreuz nageln zu lassen, kann das kleine alte Ich sterben und etwas Neues geboren werden.

Dein persönliches Kreuz

Die Kreuzigung als Metapher bedeutet für mich die Bereitschaft, uns an einem existenziellen Punkt unserer eigenen Held:innenreise freiwillig an das Kreuz unserer Transformation festnageln zu lassen.

Das Kreuz ist der innere Fixpunkt. Der Moment, in dem du sagst: „Ich gebe mich jetzt hin. Ich renne nicht mehr weg. Egal was kommt. Ich bin bereit, das zu fühlen, was ich bis jetzt nicht fühlen wollte.»

In spirituellen Kreisen wird häufig Translation mit Transformation verwechselt.

Wir reden gern über Hingabe — bis es wirklich heiß wird. Wir reden gern über Disziplin — bis wir wirklich etwas opfern müssen. Wir reden gern über Schattenarbeit — bis unser eigener Schatten uns wirklich besuchen kommt.

Es passiert scheinbar sehr viel in unseren Workshops und Retreats. Wir fühlen sehr viel und wir experimentieren sehr viel. Tatsächlich bewegen wir uns weiterhin auf derselben horizontalen Ebene unserer Entwicklung. Wir optimieren sie, und darin ist nichts einzuwenden.

Doch wirkliche Transformation hin auf eine wirklich neue Entwicklungsebene braucht deine Bereitschaft, dich an dein inneres Kreuz zu nageln und das zu fühlen, was du niemals fühlen wolltest.

Dies muss nicht immer eine Kreuzigung existenziellen Ausmaßes sein. Unser Alltag ist, wenn wir wirklich wach sind, voll mit Momenten, in denen unser Ego rumzappelt und etwas nicht fühlen will.

Du willst aufhören, deine Kinder anzubrüllen? Dann musst du bereit sein, die Ohnmacht unter deiner Wut zu fühlen. Das ist dein Kreuz.

Du sehnst dich nach einer wirklich tiefen, ehrlichen Liebesbeziehung — aber jedes Mal, wenn es nah wird, rennst du weg? Dann musst du bereit sein, die Angst zu fühlen, die hochkommt, wenn jemand dich wirklich sieht. Dich verletzbar zu machen. Den Schmerz alter Wunden an die Oberfläche steigen zu lassen. Deine Kontrolle loszulassen.

Du steckst in einer Sucht — Alkohol, Arbeit, Anerkennung, Medien, egal was — und du willst da raus? Dann musst du auf Entzug gehen. Entzug ist das Kreuz. Deine Bereitschaft, genau das Gefühl zu fühlen, das sich eine Sekunde vorher bei dir angeklopft hat, bevor du zur Flasche gegriffen hast, bevor du Instagram geöffnet hast, bevor du die nächste Zigarette angezündet hast.

Für alles, wonach sich deine Seele — deine größere, freiere Version — wirklich sehnt, musst du eine unsichtbare Schwelle passieren. Und diese Schwelle hat immer etwas mit dem zu tun, wovor du dich am meisten fürchtest.

Spiritueller Selbstbetrug. Auferstehung ohne Kreuzigung

Unser kindliches Ich wünscht sich das Bonbon ohne die Anstrengung, die Belohnung ohne den Preis, die Auferstehung ohne die Kreuzigung.

Ich habe in einem früheren Artikel über die systemischen Blindspots der psychospirituellen Szene geschrieben. Über Spiritual Bypassing, die Sehnsucht, den Weg in den Himmel zu finden, ohne durch das Kreuz zu müssen.

Große Teile der spirituellen Szene suchen seit Jahrzehnten nach der Auferstehung, aber sie waren nie bereit für die Kreuzigung.

Ken Wilber nennt es treffend die westliche Flachlandspiritualität — eine Spiritualität, die an der Oberfläche bleibt, weil sie nicht wehtun darf.

Lass uns gemeinsam in die höheren Frequenzen der Liebe und Ekstase hinein meditieren und manifestieren…

Versteh mich richtig. Ich bin kein moralischer Spielverderber. Ich liebe Ekstase. Ich liebe Lachen. Ich liebe Licht. Ich liebe Liebe. Doch ich bin lang genug auf meinem Weg unterwegs und weiß, dass Wahrheit ihren Preis hat. Immer.

John Welwood hat den Begriff Spiritual Bypassing geprägt: die Verwendung pseudospiritueller Praxis, um unbequemen Gefühlen, ungelösten Wunden und den Anforderungen der realen Welt auszuweichen. Wenn ich mich ernüchtert in der Szene umschaue, für die ich selbst Jahrzehnte gearbeitet habe, sehe ich neben einigen ernsthaften Wahrheitssuchenden viele Menschen, die sich kollektiv weigern, sich an ihr Kreuz zu nageln.

Wie an anderer Stelle ausführlicher berichtet, musste und durfte ich mich vor ca. drei Jahren einem fetten Burnout, gepaart mit einer Depression, hingeben. Ich bin dieser Krise im Nachgang zutiefst dankbar, denn keine Affirmationen, keine Methode, kein Konzept haben mir damals geholfen, wieder aufzustehen.

Die Wahrheit ist: Ich wollte gern nach drei Monaten wieder auferstehen. Ich dachte, ich hätte mich genug ausgeruht. Ich wäre transformiert. Doch als ich das erste Mal wieder auf der Bühne stand, spürte ich zutiefst, dass dieses Brötchen noch lange nicht gebacken war und dass ich zurück musste in den Ofen.

Mir blieb gar nichts anderes übrig, als mich freiwillig an das Kreuz meines Nicht-Wissens, ja meines Nicht-Seins zu nageln. In dieser Zeit habe ich rückwirkend verstanden, wie oft ich Visionen und spirituelle Konzepte benutzt habe, um der Konfrontation mit meinen tiefsten Wunden aus dem Weg zu gehen. Ich wage nicht mehr zu behaupten, dass diese Reise jemals zu Ende ist. Doch ich habe in diesen drei Jahren eine demütigere, neugierigere und dankbarere Haltung meinem Schatten gegenüber entwickelt.

Meine Auferstehung seitdem fühlt sich lange nicht so episch an wie die von Jesus Christus in der Bibel. Ich erfahre sie langsamer, in leisen Wellen. Doch da wird etwas geboren, was sich milder, freier, entspannter anfühlt als mein altes Ich.

Die Stunde der Wahrheit

Doch mir geht es in diesem Artikel nicht nur um dich als Einzelperson oder um die spirituelle Szene, sondern um uns alle.

Ich bin überzeugt, dass die gesamte Menschheit gerade an einem existenziellen Scheidepunkt steht. Uns fliegt unser gesamter individueller und kollektiver Schatten um die Ohren — alles, was wir in Tausenden von Jahren nicht sehen und nicht fühlen wollten. Alte Paradigmen wie das Patriarchat liegen offenkundig im Sterben und doch richten sie, wie Tiere im Todeskampf, noch einmal sehr viel Schaden an.

Ich zähle jetzt nicht alle Krisen auf, die sich gegenwärtig zu einer gewaltigen kollektiven Multikrise verbinden. Doch was wir gerade erleben, ist die ultimative Konfrontation des Menschen mit seinem eigenen Schatten — im Spiegel einer Klimakrise, im Spiegel der künstlichen Intelligenz, im Spiegel einer zerbröselnden Weltordnung.

In jedem von uns sind alte Weltbilder und alte Versionen von uns selbst am Ende ihrer Möglichkeiten. Es liegt in der Natur des Bewusstseins, dass die neue Möglichkeit sich in der Tiefe bereits vorbereitet. Doch damit sie sich zeigen kann, müssen wir uns für eine radikale Transformation öffnen — als Individuen, in unseren Systemen und als Menschheit.

Diese Transformation — Kreuzigung und Auferstehung — wird nicht nur von «denen da oben» an der Spitze gefordert. Sie muss in jedem von uns erfahren werden.

Weil so viele Menschen ihren Teil nicht fühlen wollen, haben Populist:innen, die eine einfache Schwarz-Weiß-Wahrheit versprechen, gerade so massiven Aufwind. Wenn wir nicht verstehen, was in uns geschieht, sind wir versucht, unseren eigenen Transformationsstress nach außen zu projizieren. Auf die Andersdenkenden. Auf die andere Partei. Auf die Politiker:innen. Auf das andere Geschlecht. Anstatt uns einem mutigen individuellen und kollektiven Trauer- und Transformationsprozess hinzugeben, lenken wir uns ab — mit Social Media, Empörung und Kriegen.

Trotz all der beunruhigenden Fakten und Trends bleibe ich tief in meinem Herzen ein existenzieller Optimist. Ich glaube daran, dass die Menschheit auferstehen kann, wenn sie beginnt, diese Krise nicht mehr abzuwehren, sondern sich freiwillig ans Kreuz zu nageln.

  • Konkret würde das bedeuten, dass so viele wie möglich von uns beginnen, ernsthafte innere Arbeit zu leisten.
  • Bewusst zu trauern über die Irrtümer und Verletzungen der Vergangenheit.
  • Bewusst unser Nicht-Wissen anzuerkennen.
  • Bewusst Schattenarbeit zu leisten.
  • Und dann bewusst an den tiefsten Punkt eines jeden Egos zu steigen — in die Ohnmacht.

Bewusst und nüchtern die Ohnmacht unseres Egos zu erfahren, ist nicht dasselbe wie aus Schwäche aufzugeben. Auch das ist eine bemerkenswerte Botschaft der Kreuzigung: Jesus gibt nicht auf. Er gibt sich freiwillig hin. Ein gewaltiger Unterschied.

Wenn ich mich derzeit durch die sozialen Medien bewege oder Nachrichten schaue, fällt mir auf, wie sehr wir Empörung, Aktionismus und Schuldzuweisungen nutzen, um diesem Reset-Point aus dem Weg zu gehen. Ich sehe das in allen Lagern.

Stell dir eine Menschheit vor, die so tapfer und gleichzeitig so weise wäre, dass sie in diesem entscheidenden Punkt unserer Geschichte innezuhalten vermag. Zuzugeben, dass wir nicht alles wissen. Bereit zu sein, das Nicht-Gefühlte zu fühlen. Und sich so für wirklich neue Lösungen und eine echte Auferstehung des menschlichen Potenzials zu öffnen.

Deine Auferstehung ist real

In der biblischen Geschichte liegt zwischen Kreuzigung und Auferstehung der Karsamstag. Ein Tag der Stille. Des Nichts. Der Ungewissheit. Jesus ist tot, und niemand weiß, was kommt. Keine Garantie. Kein Engel, der auftaucht und sagt: Halte durch, morgen wird alles gut.

Ich glaube, das ist der ehrlichste Teil der gesamten Geschichte. Weil es genau das ist, was auch uns passiert, wenn wir uns unserem Kreuz hingeben.

Da kommt erst mal nichts. Da ist Leere. Ein stilles Niemandsland. Ein Nicht-mehr-das-Alte und ein Noch-nicht-das-Neue. Und die Versuchung, in dieser Leere die Nerven zu verlieren und wieder die alten Muster zu aktivieren.

Aber wenn du hier und jetzt bleibst — wenn du wirklich still bleibst und dich in immer feineren Ebenen hingibst —, dann passiert etwas Wundervolles, das ich schwer beschreiben kann, aber das ich erfahren habe und das mir Hunderte von Menschen in meiner Arbeit bestätigt haben.

Das Ego stirbt nicht wirklich. Es setzt für einen Moment aus. Ein existenzieller Reset.

C.G. Jung hat es so beschrieben: Im Individuationsprozess — dem Prozess, in dem ein Mensch wirklich er selbst wird — geht es nicht darum, das Ego zu zerstören. Es geht darum, dass das Ego seinen Platz als Diener einnimmt, nicht als König. Dass in diesem Moment der Hingabe etwas Größeres, Umfassenderes in den Vordergrund tritt. Jung nannte es das Selbst. Ich nenne es Seele.

Auferstehung ist kein spektakuläres Bühnenevent, das du erzwingen und timen kannst. Sie geschieht, wenn du an deinem Kreuz zur Ruhe kommst und das Unaushaltbare aushältst. Etwas stirbt. Aber du bist immer noch da. Und du bist nicht mehr dieselbe Person.

Du bist nicht mehr der Mensch, der sich vor dem Kreuz fürchtete. Du bist im Feuer stehen geblieben und etwas, was du nicht mehr brauchst, ist verbrannt.

Du hast vielleicht keinen Namen für das Neue und brauchst ihn auch nicht.

Doch du spürst, dass die alten Muster nicht mehr greifen.

Die alten Ängste haben ihre Macht verloren — nicht weil sie verschwunden sind, sondern weil du größer bist als sie.

Du hast dich mit etwas verbunden, was mächtiger als die Angst ist, größer als die Wut, stiller und freier als die Ohnmacht.

Indem dein Ego aufgehört hat, am Kreuz zu zappeln, konntest du dich endlich an etwas erinnern, was die ganze Zeit da war.

Das, was du wirklich bist.

Kreuzigung und Auferstehung können große Erwachensprozesse sein, in denen du in Kontakt kommst mit deinem Christusbewusstsein, deiner Buddha-Natur oder deinem Atman. Aber es können genauso die kleinen Transformationsprozesse in unserem Alltag sein — wenn wir endlich eine alte Angst überwinden, wenn wir endlich unser Herz öffnen, wenn wir uns endlich sichtbar machen, wenn wir endlich vergeben.

Jedes Mal, wenn wir im kleinen oder großen Maßstab eine Kreuzigung und eine Auferstehung erfahren, vertieft sich unser Vertrauen in das Leben. Weitet sich unser Verständnis von uns selbst und der Welt. Begreifen wir tiefer, dass die Kreuzigung nie eine schuldbelastete Strafe war, sondern eine magische Pforte auf das nächste Level unserer Entwicklung.

Vielleicht verstehst du jetzt, warum ich in so ketzerischen Worten über christliche Mythologie schreiben muss. Der Zugang zu diesen Grundprinzipien der Transformation gehört nicht einer bestimmten Religion. Er ist das Geburtsrecht von uns allen.

Was will in dir auferstehen?

Ich glaube nicht an Zufälle. Wenn du bis hierher gelesen hast, steht irgendwo in deinem Leben eine Kreuzigung und Auferstehung an. Ich möchte dir nichts einreden. Doch ich lade dich ein, die folgenden Fragen auf dich wirken zu lassen:

  • Wo in deinem Leben bist du am Ende mit deinem Latein?
  • Was in dir fühlt sich müde und abgenutzt an?
  • Wo rennst du vielleicht seit Jahren vor einer ganz bestimmten Erfahrung weg — und ahnst du, welche das ist?
  • Was in dir will sterben? Ich meine nicht deinen Körper. Ich meine nicht dein inneres Licht. Sondern eine Version von dir selbst, die viel zu klein geworden ist.
  • Wonach sehnst du dich am allermeisten — und bist du bereit, den Preis für diese Sehnsucht zu bezahlen?
  • Wo empörst du dich über andere Menschen, weil du bisher nicht bereit warst, das zu fühlen, was sich unter der Empörung verbirgt?
  • Wenn dich berührt, was in der Welt passiert: Was könnte dein Beitrag zur Auferstehung der Menschheit sein?

Falls du Christ:in bist und an Jesus Christus glaubst, möchte ich dir noch einmal zurufen: Es ist nicht mein Interesse, deinen Glauben zu brüskieren. Doch ich lade dich ein, dich noch einmal tiefer, menschlicher, auf Augenhöhe mit diesem bemerkenswerten Bewusstseinslehrer zu verbinden und dich zu fragen:

Was hätte Jesus für dich wirklich gewollt? Was wäre seine Botschaft in der heutigen Zeit?

Mal angenommen, er hat wirklich gelebt, und mal angenommen, er schaut gerade von irgendwo zu: Meinst du nicht, dass es ihn zutiefst glücklich machen würde, wenn wir ihn vom Kreuz nehmen, vom Sockel holen, in unser eigenes Herz einladen? Wenn wir anfangen, seine Botschaft wirklich persönlich zu nehmen und die Auferstehung, die wir in ihm sehen, in uns zu finden?

In diesem Sinne, frohe Ostern für uns alle. Eine mutige, stille Kreuzigung und eine freie und würdevolle Auferstehung.

In stiller Verbundenheit, Veit

PS. Wenn du gemeinsam mit mir tiefer in das Thema einsteigen möchtest, empfehle ich dir unseren Kurs «Sacred Heart», als Einführung in postreligiöse Mystik.

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